Wegzehrung

Hier soll Martin Luther zu Wort kommen – indirekt und direkt. Dazu gehen wir zurück bis in die durch Luthers Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 begonnene Reformation.

Auf dem von Kaiser Karl V. 1530 nach Augsburg einberufenen Reichstag legten die seit 1529 so genannten Protestanten die „Confessio Augustana“ (Augsburger Bekenntnis) vor, um Gemeinsamkeiten in der Glaubensauffassung von Papstkirche und Protestanten zu betonen und somit eine drohende Kirchenspaltung zu verhindern.

Die „Confesssio Augustana“ stammt zwar aus der Feder von Philipp Melanchthon, beruht aber auf der 1529 von Martin Luther verfassten Schrift „Schwabacher Artikel“, außerdem standen Luther und Melanchthon während des Reichtages ständig in Kontakt. Die hier vorgelegten Zitate aus der Confessio geben also durchaus auch Luthers Denken wieder

Aus der Confessio, Artikel 7 „Von der Kirche“: „Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden. Denn das genügt zur wahren Einheit der Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden. Und es ist auch nicht

zur wahren Einheit der christlichen Kirche nötig, dass überall die gleichen, von den Menschen eingesetzten Zeremonien eingehalten werden wie Paulus sagt: >Ein Leib und ein Geist, wie ihr berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe< (Eph 4,4-5).“

Artikel 8 „Was die Kirche sei?“: „Ebenso, obwohl die christliche Kirche eigentlich nichts anderes ist als die Versammlung aller Gläubigen und Heiligen, jedoch in diesem Leben unter den Frommen viele falsche Christen und Heuchler, auch öffentliche Sünder bleiben, sind die Sakramente gleichwohl wirksam, auch wenn die Priester, durch die sie gereicht werden, nicht fromm sind; wie denn Christus selbst sagt: >Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Pharisäer< usw. (Mt 23,2). Deshalb werden alle verdammt, die anders lehren.“

Ein versöhnlicher Ton ist hier durchaus noch zu hören, dennoch ist dieser letzte Versuch zur Rettung der kirchlichen Einheit gescheitert. Die Fronten verhärten sich, der Ton wird rauer. Protestantische Fürsten schließen sich zum Schmalkaldischen Bund zusammen. Im Auftrag des sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich verfasste Martin Luther 153 die „Schmalkaldische( n) Artikel“, die 1537 der Bundversammlung des Schmalkaldischen Bundes vorgelegt wurden. Doch stimmten schon damals einige (protest.) Fürsten nur unter Vorbehalt dieser Schrift zu, die 1544 zur Bekenntnisschrift erhoben und später Teil des Konkordienbuches wurde, in dem die Grundlagen des evangelisch-lutherischen Glaubens enthalten sind.

Aus dem Artikel 4 „Vom Papsttum“: „….Darum kann die Kirche nimmermehr besser regiert und erhalten werden, als dass wir alle unter einem Haupt Christus leben und die Bischöfe alle gleich nach dem Amt, ob sie wohl ungleich nach den Gaben, fleißig zusammenhalten in einträchtiger Lehre, Glauben, Sakramenten, Gebeten und Werken der Liebe etc. Wie S. Hieronymus schreibt, dass die Priester zu Alexandria sämtlich und insgemein die Kirche regierten, wie die Apostel auch getan haben und hernach alle Bischöfe in der ganzen Christenheit, bis der Papst seinen Kopf über alle erhob.“

Artikel 12 „Von der Kirche“: „Wir gestehen ihnen nicht zu, dass sie die Kirche seien, und sie sind es auch nicht, und wir wollen auch nicht hören, was sie im Namen der Kirche gebieten oder verbieten; denn es weiß gottlob ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei, nämlich die heiligen Gläubigen und >die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören< (Joh 10,3); denn also beten die Kinder: >Ich glaube an eine heilige christliche Kirche.< Diese Heiligkeit besteht nicht in Chorhemden, Platten, langen Röcken und anderen ihrer Zeremonien, durch sie über die heilige Schrift hinaus erdichtet, sondern im Wort Gottes und im rechten Glauben.“

Aus heutiger Sicht ist hier nun wirklich keine Gemeinsamkeit mehr zu erkennen. Dennoch ist die Spaltung endgültig erst mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 vollzogen. Kritik an Katholizismus und Papsttum in dieser Form ist heute sicher nicht mehr unbedingt berechtigt. Dennoch sollten die hier zitierten Äußerungen Melanchthons und Luthers gerade für uns als Martin-Luther-Gemeinde nicht in Vergessenheit geraten.

(Anmerkung: Die Artikel aus der Confessio Augustana sind aus dem Evangelischen Gesangbuch, Ausgabe für die EKHN entnommen. Die Zitate aus den Schmalkaldischen Artikeln sind aus „Die Schmalkaldischen Artikel (1536), Deutscher Text nach: Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche (1930), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, Seite 8 und Seite 19/20“ entnommen.)

Meinrad Schnur